Ischia die Barocke (1958)

di Lore Enderle-Mollier


Der runde Mond ging damals nicht anders auf als heute: ohne Glanz, vielmehr im stumpfen Rot einer geschälten Tomate, samten weich und unergründlich, den Menschen und das Meer leidenschaftlich bewegend.
Unter diesem Mond, der langsam in die Höhe steigt, erbleicht und das Meer in einen silbertropfenden Schuppenleib verzaubert, hier auf diesem Kastell schrieb Vittoria Colonna ihre unvergeblichen und unvergänglichen Sonette. Der Held ihrer Strophen, die ihren Ruhm durch ganz Italien trugen, war Ferrante Francesco d’Avalos, der Marchese von Pescara, aus dem Geschlechte spanischer Granden, die mehr als zweihundert Jahre Vizekönige von Neapel und der Insel waren. Hier auf diesem Kastell wur den sie beide in einer Hochzeit von unvorstellbarer Festlichkeit getraut, und der Marchese von Pescara wurde der ruhmreichste Held seines Jahrhunderts.
Der Marchese von Pescara starb jung an den Wunden, die er in der Schlacht von Pavia gegen Franz I, von Frankreich empfangen hatte. Zehn Jahre trauerte Vittoria auf diesem Kastell, ehe sie, fürstlich in Rom empfangen, die Freundschaft Michelangelos erwarb. Seine Sonette und Gedichte für sie machten Vittoria Colonna unsterblich, und auf immer schwebt dieser Glanz über dem Kastell und über Ischia, das vorher schon Bernardo Tasso, Torquatos Vater, in einem Gedicht für Vittoria verherrlicht hatte.
Der Mond ist der gleiche geblieben. Der Blick auf den Vesuv und seine Wolkenkrone, der Epomeo, in den dieses ganze Eiland hinaufzuströmen, scheint, und dieser Trachyt-Felsen der eigens dafür geschaffen schien, das Kastell zu tragen, dies alles ist unverändert, nur nicht das Kastell, das ein Mittelpunkt war von Schönheit, Geist und Macht. Das Kastell ist heute nur noch Herberge für Regen und Sturm, erbarmungslose Sonne, Unkraut und Melancholie, ein Grabmal der Vergänglichkeit. Auch die Kathedrale ist der Zerstörung preisgegeben; wenige Stuckreste, Blumenornamente, ein Engelskopf mit Flügeln träumen noch den Traum von einstiger barocker Schönheit. Das Barock kleid war ihr letztes. In dieser Kirche hatte man zweihundert Jahre zuvor, als sie fast noch Kinder waren, Italiens grösste Dichterin mit dem grössten Helden ihrer Zeit vermählt. Erinnerungsstätten, die man hüten sollte! Jetzt hortet man Trauben in den Ruinen, und Kinder stampfen sie aus und singen. Goldbraune Ziegen grasen hier und sehen dich sprachlos an mit grünem Blick. Früher, ehe die Agonie langsam begann, wohnten zweitausend Familien in dieser Stadt am Berg. Doch noch immer schaut man hinauf zu dem vieltürmigen Aragonesen-Schloss, zu dieser Fortifikation von Macht und Herrlichkeit mit Gärten und Feigenbäumen, wie auf eine mit Edelsteinen gezierte Krone zwischen Himmel und Meer. Mit einem über zweihundert Meter langem Steindamm ist diese glanzvolle, wehmütigste aller Inseln, Kastell genannt, auf der die spanisch-aragonesischen Könige ihre Banner wehen liessen mit Ischia verbunden. Auf dieser Brücke flicken jetzt die Fischer ihre Netze, die sie zum Trocknen, ausgebreitet haben.
Diese Zeilen, lieber Freund, seien allem vorausgestellt.
Du wirst letzten Endes das Meer und den Strand ohne Begleitung finden und den Wein, das Essen und die Herberge, doch nicht die Vergangenheit: du siehst nur, was du weisst. Und du sollst wissen, dass diese in der Erdgeschichte junge Insel, von deren vulkanischer Geburt, Untergang und Wiedergeburt die Menschen Zeugen waren, Liebling der Götter und Genien geworden ist. Zeus kam hier des Weges, hatte Ärger mit einem Sohne Gäas, dem Gigantem, erschlug iln und begrub den noch Zappelnden, noch Warmen unter Ischia. Circe war die Königin dieser Insel, und als Odysseus schiffbrüchig und der Hilfe bedürftig landete, pflegte sie ihn. Aeneas, der Sohn der Aphrodite und Ahnherr Roms, setzte seinen Fuss auf diese Insel, später gefolgt von griechischen Siedlern, die seinerzeit noch nicht den Mut oder die Lust verführten, das italische Festland zu betreten. Die Gedanken Homers und Vergils trafen sich auf dieser Insel, die damals vielleicht Citarea hiess oder Enaria oder Pythekusa. So zahlreich wie die Liebhaber waren die Namen, mit denen man sie schmückte, ehe man sie Ischia nannte, was, aus dem Griechischen abgeleitet, soviel wie Insel der Fischer heissen mag. «Nur hier lebt man wirklich», sagte König Ludwig I. von Bayern und etwas Ähnliches die berühmte Porträtmalerin der europäischen Höfe, Madame Vigée-Le Brun. Heute zieht Ischia die bekannten Maler Gilles, Purmann und Bargheer immer wieder und unwiderstehlich an. Auf diesem in der Entstellung und seiner Geschiclite bewegten Eiland scheint sich die menschliche Anima heftiger der Weltscheele zu vermählen als anderwärts.
In zwei Stunden fährt man von Neapel aus - an ihrer Vorbotin, der zierlichen Insel Procida vöruber - nach Ischia. So wirst da sie erleben: von Himmel und Meer dazu lichtblau umrahmt, vom Berge Epomeo gekrönt, von Weinbergen und Kastanienwäldern lieblich überzogen, von Pinien überragt, von dunkelgrünen Hainen reich gezhert, in denen golden und rot die kleinen Monde der Orangen längen, die Häuser von weitem heiter und leicht, als seien sie Biskuit, hellblau, rosa, weiB und gelb, mit ihren vicien Bögen, Loggien und gerundeten Fernstern mehr ein zaubrisch-süsses Bild als Wirklichkeit; in der Nähe wie immer bröckelude Mauer, verblichene Farbe, doch das erhöht wahrscheinlich nur den Reiz. Dann der kleine, kreisrunde Hafen, ein Kratersee.
Die Mole tastet sich einer Schnecke gleich mit leicht gestrecktem Bagen vor ins Ungewisse. Du kannst gleich hier an Ort und Stelle bleiben, wenn du willst, manche sagen, Porto d’Ischia sei der schönste Platz. Grosse und kleine Alberghi zum Aussuchen, sauber und modern, du kannst dich in den terme comunali der Heilkräfte der beiden Quellen, der Fontana und Fornello, erfreuen. Zu beiden Seiten des Hafens erheben sich zwei Hügel, die alten Kraterränder.
Auf dem San Alessandro steht weiss und leuchtend über hohen Felsen ein maurisches Schloss, mit Kuppel und Zinnen weithin zu erkennen. An das steile Riff zu seinen Füssen schlägt das Meer. Maisfelder bewegen sich in der leichten Brise, und Tamarisken verströmen ihren kaum wahrnehmbaren Duft. Hier oben beginnt die Pineta, ein Wald edelgewachsener Pinien. Gegen Abend schweben ihre Kronen dunklen Traumbooten gleich vor dem verdämmernden Himmel.
Die schwingende Zartheit und Schwerelosigkeit der frühen Lyrik Lamartines fand hier ihr Ebenbild. Von San Pietro aus, dem Hügel San Alessandro gegenüber, sieht man das Kastell Vittoria Colonnas schöner als von jedem anderen Platz, als wäre es allein für diesen Ausblick hingesetzt. Dunkelblau sind die grossen Blüten der Winden, die die rosa Kirche von San Pietro überwuchern.
Angesichts des Kastells denke ich mit heftiger Sehnsucht an das glühende Sant’Angelo im Süden, das mit seiner Torre, seinem wie ein Wehrturm ins Meer gesetzten Berg so sehr and das Kastell erinnert. Mit einer der zierlichen Carrozzelle, die, von federgeschmückten Pferden gezogen, leichtfüssig durch die Strassen rollen, kann man es auf einer Fahrt um die halbe Insel erreichen.
Rechter Hand die jäh abfallende Küste, linker Hand die aufsteigenden Weinberge, und dazwischen liegen immer wieder Orte, die zum Verweilen locken: Casamicciola mit seinen Thermal - und Schlammbädern, den heissen Grotten und dem hübschen Strand, Lacco Ameno mit den stark radioaktiven Quellen und dem grossen Tuffelsen nahe der Badebucht, der wie ein Riesenpilz aus dem Wasser ragt und Fungo heisst.
Den mit Reben überzogenen Monte di Vico lassen wir rechts zurück, ebenso das Tal San Montano; auf einer in den Fels geschlagenen Strasse erreichen wir Forio. Uberall ist der Duft des Meeres nahe, und immer wieder, wie mit weiten Armen ausgestreut, leuchtet Bougainvillea, die sich in dunklem Violett üppig über die weissen Häuser zieht.
Serrara - Fontana am Südabhang des Epomeo und Barano, beide von der Küste etwas zurückgenommen, höher gelegen, hätten wir noch vor uns, dann wären wir mit unserer Carrozzella nach vier Stunden Fahrt wieder in Porto d’Ischia.
Das letzte Stück in das kleine Fischerdorf Sant’Angelo geht man zu Fuss. Wie aus dem Boden gestampft, quirlen Knaben herbei in jeder Grösse, um einem alles Traghare abzunehmen und es nach alter Sitte auf dem Kopfe balancierend in den Ort zu bringen. Die Winzigkeit der Knaben und die Grösse der Gepäckstücke stehen häufig in einem erstaunlichen Verhältnis. Der Wein der Insel schmeckt köstlich, doch der Weinbau auf schmalen Terrassen die Hügel hinauf ist mühsam; auch das reichste Meer hat noch keinen Fischer reicht gemacht - so sind alle froh, wenn sie an den Fremden etwas verdienen können, selbst die kleinstein Knaben.
Hier im Süden, wo im hohen Sommer die Sonne erbarmungslos herunterbrennt, wo die steile Küste über das freie Meer hinaus den Blick nach Afrika gewendet hält, erscheint die Natur am stärksten und am reinsten. Die flachen Häuser steigen kreuz und quer die felsige Anhöhe empor. Wie der Trachytfels, das Kastell, vor Ponte d’Ischia, steht hier die Torre vor Sant’Angelo. Ein schmaler Sanddamm bindet sie an an die Insel, rechts und links das Meer mit seinen wechselnden Farben; oft ist es grün wie ein Katzenauge. Links der neu entstandene Damm schützt bei Wellen und Sturm die Boote am Strand, das kleine Schiff im Hafen. In einer halben Stunde ist man um die felsige und grottenreiche Südküste herum in Ponte d’Ischia.
Von Sant’Angelo durch Klippen getrennt, dehnt sich gegen Osten unter der Steilküste bis schier ins Unermessliche der breite Strand, die spiaggia dei Maronti. Am frühen Morgen ist er verlassen und unberührt, und das Licht rieselt herab, gleissend und in überwältigender Fülle. Trotz der frühen Stunde ist der Strand warm, er ist warm von innen heraus, vor allem hier in dieser ersten Bucht, wo die schwefligen Rauchfähnchen aus dem Boden steigen. Es gibt immer wieder Menschen, die sich an dieser Stelle ein Ei im Sande kochen. Die Temperatur des heilkräftigen Sandes, die Fumarolen, die warmen oder heissen Quellen unter Wasser, auf die man tritt, wenn man am Meerstrand spazierengeht, dies alles sind Zeichen, dass das feuerspeiende Herz dieser Erde noch nicht erkältet ist.
Langsam beginnt der Strand sich zu bevölkern. Immer öfter begegnet man Männern und Frauen, die sich von bagnini im Sand begraben lassen. Nur der Kopf blickt, auf einem Kissen von Sand gebettet, aus dem Hügelgrab heraus. Man sei hinterher wie neugeboren, sagte eine der Eingegrabenen, matt lächend, denn sie schwitzte sehr unter dem Gewicht des warmen Sandes. Man muss allerdings mit seinem Arzt sprechen, ehe man sich diesen belebenden und bei arthritischen und rheumaschen Leiden heilsamen Kuren unterzieht. Vor allem aber soll man das, wenn man weiter östlich in die wilde Schlucht der Cava scura hinaufsteigt und dort in einer der Felswannen ein Thermalbad nimmt. Díe Felskabinen werden von der Bademeisterin, der dicken Angelina, mürrisch und genial mit einem Leintuch vor neugierigen Blicken geschützt. Mit fünfundsechzig, achtundsechzig Grad entströmen die Thermalquellen dem Boden, ehe sie in den Leitungen aufgefangen werden. Sie sind seit langer Zeit sehr beliebt, ihre Heilkraft erkannten schon die Römer; sie machen sogar fruchtbar, sagt man ihnen nach. Manche Strandgänger verschreiben sich ganz und gar der Sonne und dem Meer, und sie kehren diesem fast afrikanischen Lichtgetümmel erst den Rücken, wenn es Abend wird.
In zwei drei kleinen Ristoranti kann man en plein air, luftig und schattig, einen kleinen Imbiss und Getränke aller Art zu sich nehmen. Frisch gefangene Fische in der Grösse von Heringen werden von einem Knaben geschuppt und ausgenommen. Hin und wieder schreiten Frauen und Mädchen mit der stolzen Haltung von Römerinnen am Strand entlang, einen grossen Korb auf dem Kopfe balancierend. Uva? rufen sie und sehen dich aus abgrundtiefen Augen fragend an. Die Trauben sind billig und von grosser Süsse. Auch der Wein, den man auf Ischia trinkt, der einfache Landwein. Epomeo genNant, trocken und süss, ist billig. Es gehört zu den unvergesslichen Stunden, bei einem Glas Moscato unter dem Gipfel der Torre zu sitzen, auf eben jenem ganz in Grün gehülten Felsen, mit dem Sant’Angelo kräftig und kühn mitten ins Meer hineinstösst. Man sieht die Sonne wie einen roten Luftballon am azurnen Himmel schweben und dann schnell und entschieden im Ozean Versinken. Hinter sich lässt sie den flammenden Horizont. Das ist die Stunde, in der die Farben dieser Insel wie eine Rose blühen. Die Steilküste leuchtet. Alles ist noch gelber, noch blauer, noch roter, noch wilder und angefüllt von Leben. Die Fledermäuse beginnen ihre abendlichen Kapriolen, und die Zikaden singen schrill. Man versteht in einer solchen Stunde nichts besser als die Genügsamkeit all dieser Menschen hier, die hilfsbereit und freundlich sind.
Schliesslich trennt man sich von der Torre, um auf der Terrasse des Albergo eine bestellte frische Languste, von Schafs-oder Büffelkäse gefolgt, zu einfachem Landwein zu verspeisen. Das Meer schlägt an die Klippen unter uns, die Lichter von Capri glänzen weit in der Ferne wie eine Perlenkette. Über dem nachtschwarzen Meer steht der Himmel überwältigend und weit. Am Ende der Bucht schaukeln, vom Bauch der Finsternis noch nicht verschluckt, die Lampen der Fischerboote auf und ab. Irgendwo am Ende der Welt blinkt ein Leuchtturm, vielleicht der von Sorrento. Der Scirocco legt sich mit zärtlicher Gebärde um Hals und Arme und auf das Gemüt, das dieser hohen Sommernacht weit geöffnet ist.
Mat hat, sagen manche, die Insel Ischia nicht gesehen, wem man den Epomeo nicht bestiegen hat. Man muss dazu kein Bergsteiger sein. Während bei Barano im Innern der Insel die Erde terra rossa heisst wegen ihres feuerroten Felsens, ist sie bei Serrara-Fontana malachitgrün. Hier von Fontana aus ist der Aufstieg am leichtesten, vor allem, wenn man die gleichen Schuhe wie die Eingeborenen trägt.
Man begegnet Männern, die im Weingarten arbeiten, Mauleseln, beladen mit den Früchten des Landes - den sonnenroten, länglichen Tomaten, frischen Feigen, blauen und grünen, den Melanzane, Zucchine und Peperoni. Der Weg verändert sich ununterbrochen, und immer wieder geben die tiefeingerissenen Schluchten die Sicht auf das Meer überraschend und beglückend frei. Viele der Bergbezwinger reiten das letzte Stück zum Gipfel auf dem Maulesel, das gehört fast schon zur Tradition. Die Mühe wird belohnt. Man sieht die Weite des Meeres und die Unendlichkeit des Himmels in einem überwältingenden Zusammenklang. Man sieht im Nordwestern die beiden Halbinseln als einen grossen und gerahmten Vulkan, der bis hier herauf wie aus einem Guss erscheint. Man sieht im Western Forio, das so lieblich ist mit seinen malerischen Gassen, versponnen Höfen und seiner kachelgeschmückten Chiesa del Soccorso. Man sieht im Nordwesten die beiden Halbinseln als einen grossen und kleinen Katzenkopf mit spitzen Ohren ins Meer hineinragen, der kleine mit dem Monte di Vico, der das denkwürdige Ereignis erster griechischer Besiedlung erleben durfte. Man sieht zwischen beiden weit ins Land stossend die Bucht von San Montano. Man sieht im Osten das Kastell der Vittoria Colonna als kleinen Fingerhut. Man sieht im Nordosten Procida heiter und zierlich wie ein Blumenbeet, man sieht das Festland mit seinem verwegen geschtungenen Cap Miseno, den grosszügigen Buchten, man sieht Neapel, wie in Perlmuttduft gebettet, endlich als letztes den Vesuv, das Haupt verhüllt, streng, abweisend und grossartig. Himmel und Meer tragen die rote Bahn der Sonne. Bald wird sie untergehen. In der Ferne zieht langsam wie im Traum ein schönes Schiff.