Ischia
Grundzüge der Geschichte,Mythen und Wirklichkei
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von Massimo Mancioli
("La Rassegna d'Ischia" 1992)

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Der aussergewöhnliche Reichtum der Thermalwasservorkommen von Ischia, mit seinen zahlreichen warmen Quellen (Thermal- und Hyperthermalquellen) und seinen fumarole (wo heisser Dampf aus dem Erdboden kommt) hat seit den ersten Anfängen unserer Zivilisation die antike Welt in ihren Bann gezogen.
Seit Homers Zeiten haben Dichter, Erdkundler, Historiker, Naturwissenschaftler und Ärzte (Timeon, Ephor, Plinius der Ältere, Strabon usw.) immer wieder von dieser Insel gesprochen, die diese so interessanten Naturschauspiele und gleichzeitig ziemlich häufig vulkanische Erscheinungen bot. Wie die bedeutendsten Fachleute auf diesem Gebiet (A. Rittmann, F. Penta) betonen, war der geologische Moment des griechisch- römischen Zeitalters für Ischia ungünstig (aber die "geologischen Momente" dauern Jahrhunderte). Dieselben Autoren halten dagegen den gegenwärtigen "geologischen Moment" für sehr günstig, weil die hydrogeologischen Erscheinungen sich nur "nach Maß für den Menschen", als hyperthermale Quellen und als fumarole, zeigen. Sie sind also einzig und allen wohltätig (B. Santi).
Es ist heute bewiesen, daß im 8. Jahrhundert vor Christus sich die ersten griechischen Kolonisatoren, die von der Insel Eubös herkamen, auf der Insel Ischia niederliessen und ganz schnell die Möglichkeit erkannten, einige Quellen der Insel zu Heilzwecken, für Bäder und für Trinkkuren, zu nutzen. Ein klarer Beweis dafür ist die Quelle Nitrodi, die in all den Jahrhunderten den originalen, griechischen Namen unverändert behalten hat (sie war dem Gott Apollo und den Nitroden- Nymphen geweiht).
Im Altertum versuchte man, eine mythisch- naturalistische Erklärung für all diese oben erwähnten Naturerscheinungen zu finden. So entstand der Mythos vom Riesen Typhäon, der mit den anderen Titanen von Zeus davongejagt und ins Tyrrhenische Meer gestürzt wurde. Dort wurde er in Ketten gelegt, aber nie ganz bezwungen, und mit seinem riesigen und unruhigen Körper bildete er das gesamte Inselmassiv und war die Ursache all dieser verschiedenen vulkanischen und hydrogeologischen Naturerscheinungen, die charakteristisch für die Insel sind.
Der spontane Versuch, mit Verstand alle, von den neuen Ländern im Abendland gebotenen, natürlichen Schätze zu nutzen - därunter die hydrothermalen Vorkommen von Ischia - ist ein Kennzeichen der neuen Kultur, die sich um das achte Jahrhundert vor Christus im Mittelmeerraum entwickelt. Ein Blick auf die Landkarte, die von der Küste Kleinasiens bis nach Ischia reicht, lässt uns, auch in Anbetracht der bescheidenen Seetüchtigkeit der damaligen Schiffe, höchst überreischt über das mutige Vordringen nach Westen der Griechen aus der Insel Euböa. Die Gründe dieses kühnen Dranges nach dem Abendland scheinen in einer zunehmenden inneren wirtschaftlichen und politischen Krise zu liegen und auch in der Notwendigkeit, eine vetrauenswürdige Handelsbasis in den fernen Ländern im Westen zu finden, die ihnen seit der Zeit der Phönizier wegen ihres Reichtums an Industriemetallen bekannt waren, welche ein Volk immer nötiger zu seinem Aufstieg braucht. Eisen, Blei, Kupfer und Zinn waren unentbehrlich geworden für die Waffenproduktion und zum Aufbau einer Marine, die imstande sein musste, die Handelswege in einem immer grösseren Aktionsradius im Mittelmeerbecken zu organisieren und zu beschützen. Bereits seit dem zehnten Jahrhundert vor Christus hatten die Phönizier begonnen, das mittlere und nördliche Mittelmeer zu befahren und solide Handelsstützpunkte in den wichtigsten erzhaltigen Gegenden zu schaffen (besonders in Spanien und in Sardinien). Es war praktisch ein phönizisches Monopol für die Metalle entstanden, das die Euböer sicher nicht durchbrechen konnten. Außerdem scheint es ziemlich schwer gewesen zu sein, vorteilhafte Tauschgeschäfte mit den harten Phöniziern zu machen. Sehr viel erfolgversprechender erschienen den Euböern daher Beziehungen mit den Etruskern, die auch Herren von interessanten erzhaltigen Gegenden im oberen Latium, in der Toskana und auf der Insel Elba waren. Aus all diesen Gründen trachteten die zwei bedeutendsten euböischen Städte, Chalkis und Eretria, danach, auf Ischia einen dauerhaften Brückenkopf, eine richtige Kolonie zu schaffen, genau an der südlichen Grenze des etruskischen Einflussbereiches.
Diese erste griechische Kolonie im Abendland, die älter ist als Magna Graecia, wurde von den Euböern gegründet, wahrscheinlich um 770 v. Chr. und sie erhielt den Namen Pithekoussai, in Anklang an die Produktion von grossen Vasen (pithioi). Frühere phönizische Ansiedlungen, die der Archeologe G. Büchner in dem gedrungenen Vorgebirge von Castiglione, zwischen Casamicciola und Ischia Porto, entdeckte, hatten ganz anderen Charakter: es waren eher Zwischenstationen ohne die üblichen Merkmale einer dauerhaften Ansiedlung (jener Bereich der Küste ist ganz offen den Winden ausgesetzt, also als Hafen ungeeignet und kein das ganze Jahr über sicherer Anlegeplatz).
Dagegen haben die griechischen Kolonisatoren das Problem eines sicheren Hafens gelöst, indem sie die beiden Strände verwendeten, die damals viel größer waren und sich zu beiden Seiten des grossen Vorgebirges von Monte Vico, im heutigen Lacco Ameno, erstreckten. Links des Vorgebirges, im Westen, schliesst sich die tiefe Bucht von San Montano an, die ihrerseits im Schutz des waldigen Vorgebirges Punta della Cornacchia liegt. Auf der anderen, östlichen, Seite des Monte Vico öffnet sich der Strand von Lacco Ameno, der damals auch viel grösser war und wo man auf dem Trockenen zahlreiche Schiffe unterbringen konnte.
Noch heute kann man am Fuss des "fungo" (d.h. Pilz) des charakteristischen Tuffsteinmassivs ganz nahe am Strand von Lacco - rohe, aber praktische, zur Vertäuung dienende Einschnitte sehen, die in späterer Zeit in den Tuffstein gehauen worden waren.
An diesem Küstenabschnitt, an den nur diejenigen Wellen schlagen, die von Winden im Bereich des ersten Kompassquadranten verursacht werden, können tüchtige Seeleute immer rechtzeitig voraussehen, welcher der beiden Anlegeplätze unsicher wird, und folglich die Schiffe zum anderen verlegen. Nur sehr selten werden beide Plätze gleichzeitig unsicher und die Boote müssen dann aufs Trockene gezogen werden.

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